„Wie können Stiftungen, Think Tanks und Zivilgesellschaft gesellschaftliche Wirkung entfalten?“ Diese Leitfrage beschäftigte uns ein Semester lang im Rahmen eines politikwissenschaftlichen Seminars. Um ihr auf den Grund zu gehen, nahmen wir eine Vielzahl an Akteuren in den Blick. Nachdem uns Dr. Malte Zabel, Direktor des Programms Europas Zukunft der Bertelsmann Stiftung, im Juni Einblicke in die operative Arbeit der Stiftung gegeben hatte, begleitete uns Prof. Dr. Andreas Marchetti im Juli nach Dortmund, um uns dort zunächst mit den vielfältigen Tätigkeitsfeldern der Auslandsgesellschaft.de vertraut zu machen.
In der Auslandsgesellschaft unterstrich ihr Präsident Klaus Wegener, dass sich ihre unterschiedlichen Aktivitäten an dem Vereinszweck, „den europäischen Gedanken zu fördern und dem Frieden in der Welt zu dienen“ ausrichten und dies satzungsgemäß stets „im Sinne von Humanität und Toleranz“ erfolge. Um dies detaillierter zu erfahren, hatten wir unter anderem Gelegenheit, mit Marc Frese, dem Geschäftsführer der Auslandsgesellschaft, sowie mit Silvia Werner, Leiterin Europe Direct, ins Gespräch zu kommen.


Beeindruckt hat uns dabei die Vielfältigkeit der Auslandsgesellschaft und ihrer Arbeit, die sich laut Marc Frese „jedes Jahr neu erfinden“ müsse. Neben Sprachkursen und Auslandsreisen ist sie ein wichtiger Akteur für politische Bildung in Dortmund, ganz besonders auch als Standort von Europe Direct, das sich als Schnittstelle zwischen den EU-Organen und der Zivilgesellschaft versteht – oder in den Worten von Silvia Werner: Mit Europe Direct hat die Auslandsgesellschaft die „Ohren an der Straße.“
Immer wieder ging es um die Frage, wie europäische, gesellschaftliche und politische Themen aufbereitet und zugänglich gemacht werden müssen, um insbesondere auch Menschen zu erreichen, die möglicherweise weniger Interesse an Politik haben oder auch anfangen, sich von demokratischen Institutionen und Verfahren abzuwenden. Einigkeit bestand dabei darin, dass es stets entscheidend sei, an den jeweiligen Interessen der Zielgruppen anzusetzen und politische Bildung nicht einfach nach einem tradierten staatsbürgerkundlichen Verständnis zu betreiben. An mehreren Stellen kamen wir in diesem Zusammenhang auf das nordrhein-westfälische Weiterbildungsgesetz zu sprechen, das viele Maßnahmen ermöglicht, politische Bildungsarbeit aber erst ab einem Alter von 16 Jahren fördert, obwohl diese bereits deutlich früher ansetzen kann und sollte.
Wie man eine gesamte Stadtgesellschaft für ihre internationalen Beziehungen interessiert und wie sich diese ausgestalten lassen, war nachmittags Gegenstand im Rathaus der Stadt Dortmund. Fabian Zeuch, Koordinator für globale Städte-Diplomatie und Internationale Beziehungen, präsentierte uns die verschiedenen Städtepartnerschaften der Stadt Dortmund und erläuterte die Inhalte dieser Beziehungen: Verantwortliche der Städte tauschen sich zum Beispiel über Themen wie Migration, Wirtschaft, Infrastruktur und Stadtplanung aus. Dabei profitieren sie von gegenseitigen Erfahrungen, unterschiedlichen Lösungsstrategien und lernen viel voneinander.
Überraschend war dabei für uns zu erfahren, welchen Beitrag diese kommunale Arbeit ergänzend zur Bundesaußenpolitik leistet. Die Städte haben in diesem Bereich nämlich einen relativ großen Ermessensspielraum. Im Falle Dortmunds wird dies deutlich an den trotz Krieg bestehenden Städtepartnerschaften mit Schytomyr (Ukraine) und Rostow am Don (Russland), wobei im Rahmen der Partnerschaft zu Rostow am Don gegenwärtig keine Kontakte unterhalten werden, die Beziehung aber lediglich pausiert, nicht jedoch abgebrochen ist. Im Austausch mit Fabian Zeuch wurde uns so bewusst, dass Städtepartnerschaften sogar schwierige politische Zeiten überdauern und über Ländergrenzen hinweg eine große diplomatische Bedeutung für die Zeit nach Konflikten haben können. Jenseits diplomatischer oder politischer Zerwürfnisse garantieren sie nämlich beständige und kontinuierliche Verbindungen in ganz unterschiedliche Länder.


Aus diesem Befund leitete sich dann auch eine unserer übergeordneten Erkenntnisse des Tages in Dortmund ab: Sowohl politische Bildung als auch internationale Städtediplomatie benötigen einen langen Atem, um wirksam werden zu können. Aus diesem Grund ist ihre institutionelle und auch finanzielle Basisausstattung von grundlegender Bedeutung.
Fabienne Beine, Jytte Brakebusch, Jakob Günther, Vincent Jochheim, Ali Ouakrim
