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Der neue Master “Europäische Studien”

Und was, wenn wir in Paderborn bleiben? 

Interview mit Prof. Dr. Gévaudan und Prof. Dr. Schreckenberg zum neuen Masterfach “Europäische Studien”.

“Making Europeans locally, regionally and internationally fit for Europe and the Word”. Unter diesem Motto startet der Studiengang Europäische Studien in eine neue Runde. Als eines der wählbaren Fächer des Masters “Kultur und Gesellschaft” soll die Perspektive nun inklusiver und europäischer werden.
Zu diesem Anlass hat Jule Barmwater, PR-Beauftragte des Bachelorstudiengangs “Europäische Studien”, die Initiatoren dieses Projekts zum Interview getroffen. 

Jule Barmwater: Guten Tag Herr Gévaudan, Guten Tag Herr Schreckenberg. Seit 2004 gibt es den deutsch-französischen Bachelorstudiengang Europäische Studien zwischen Paderborn und Le Mans. Nun soll es – fast zwei Jahrzehnte später – einen dazu passenden Masterstudiengang geben. Wie kam es dazu, die Initiative zu ergreifen, zukünftig ein solches Programm anzubieten? 

Paul Gévaudan: Zum einen ist es so, dass es, seit wir diesen Studiengang leiten, immer wieder Nachfragen von Absolvent:innen des Studiengangs gegeben hat, ob es nicht möglich wäre, in Paderborn einen Master im Fach Europäische Studien zu machen. 

Stefan Schreckenberg: Es gab aber auch bei den Akkreditierungen immer mal wieder die Nachfrage, warum es keinen Master gibt. Insgesamt haben wir in den letzten Jahren über eine Verbreiterung unseres Studienangebotes nachgedacht.

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“Wir wollen auch, dass weitere Studierende der UPB und

anderer Universitäten dazukommen” 

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Jule Barmwater: Europäische Studien, das ist aber diesmal kein eigener Studiengang, sondern eines der zwei möglichen Fächer, die man im Zwei-Fach-Master “Kultur und Gesellschaft” wählen kann. Wie kam es zu dieser Entscheidung? 

Paul Gévaudan: Das liegt zum einen daran, dass wir den Bachelorstudiengang seit der Re-Akkreditierung 2018 dahingehend verändert haben, dass wir mehr Wahlpflichtbereiche eingeführt und darauf ein gewisses Gewicht gelegt haben. Sozusagen gibt es mit dem Master eine Verstärkung dieser Tendenz, insofern, als dass man den Schwerpunkt direkt auf ein zweites, vollwertiges Fach legen kann. 

Stefan Schreckenberg: Wir wollen aber auch die Möglichkeit zulassen, dass weitere Studierende der Universität Paderborn und auch anderer Universitäten dazukommen. 

Jule Barmwater: Es ist also auch möglich als Quereinsteiger*in in das Masterfach zu kommen? Also ohne deutsch-französisches Profil im Bachelor? 

Stefan Schreckenberg: Genau. Als Voraussetzung gilt, dass man einen Bachelorabschluss in den Geistes-, Kultur-, Gesellschafts- oder Wirtschaftswissenschaften und Fremdsprachenkenntnisse in zwei europäischen Fremdsprachen hat.
Auch das war eine Überlegung: Wenn wir etwas machen, was sich fast ausschließlich an die Bachelorstudierenden der Europäischen Studien richtet, dann bleibt es nur bei dieser relativ kleinen Gruppe. So aber kommen dann Leute zusammen, die sich vielleicht für Frankreich, oder doch eher für England, Irland, Spanien, Italien oder für Osteuropa interessieren. Damit wird das Ganze dann nochmal stärker europäisch. 

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“Die Erfahrung, sich in einem internationalen, ausländischen Umfeld

zurechtzufinden, sich zu organisieren und Leuten kennenzulernen, ist eine spezielle Kompetenz”

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Jule Barmwater: Und welche Kompetenzen erwirbt man im Master? 

Stefan Schreckenberg: Wir haben wieder verschiedene Module. Im Ersten wird vor allem die Europakompetenz gefördert: Man erwirbt noch einmal auf einer höheren Reflexionsstufe Wissen und neue Perspektiven zu Europa.
Wir haben ganz bewusst diesmal auch europakritische Perspektiven berücksichtigt, also beispielsweise die Kolonialgeschichte oder das Verhältnis Europas zu Afrika. 

Und zweitens geht es auch da wieder um das Interdisziplinäre, also das Verknüpfen von verschiedenen Ideen, Perspektiven und Praktiken. Bei der Alumniveranstaltung des Bachelors “Europäische Studien” im Dezember letzten Jahres war das ja auch Teil der Erfahrungsberichte: Das Gefühl, man kommt irgendwo rein und weiß erstmal nicht Bescheid. Aber davon lässt man sich dann nicht ins Bockshorn jagen, sondern man schafft es innerhalb kürzester Zeit, die Grundkompetenzen zu erwerben, um mitarbeiten zu können. 

Das Interdisziplinäre wird dann kombiniert mit der Vertiefung im zweiten Fach, beispielsweise in Geschichte oder Medienwissenschaften. Und am Ende weiß ich: Hier habe ich ein solides Fachstudium gemacht und kann das gleichzeitig mit der internationalen und interdisziplinären Perspektive des Faches Europäische Studien verbinden. 

Paul Gévaudan: Im Fach Europäische Studien gibt es zudem einen verpflichtenden Auslandsaufenthalt und das hilft natürlich auf einer ganz praktischen Ebene. Die Erfahrung, sich in einem internationalen, ausländischen Umfeld zurechtzufinden und sich zu organisieren, Leute kennenzulernen, das ist eine spezielle Kompetenz. 

Stefan Schreckenberg: Wir haben auch ein verpflichtendes Praktikum im Ausland, das sehr wichtig ist im Blick auf die spätere Berufswahl und um die Arbeitswelt kennenzulernen, insbesondere die Arbeitswelt im Ausland. 

Jule Barmwater: Welche Perspektiven eröffnen sich denn dann für die Absolvent*innen bei erfolgreicher Absolvierung des Studiengangs? 

Stefan Schreckenberg: Der Masterstudiengang eröffnet zum Beispiel die Möglichkeit auf eine Promotion. Das heißt, es gibt den Bereich der Wissenschaft.

Bei der Alumni-Veranstaltung wurde ebenfalls der Journalismus angesprochen. Man denkt da immer, dass das ein sehr schwieriger Bereich ist, weil er sehr überlaufen ist. Da fand ich den Hinweis auf die Bedeutung der Sprache ganz interessant. Es gibt viele deutsche Arbeitgeber, die mit Frankreich kooperieren, aber händeringend Leute suchen, die gut Französisch sprechen können. Das wird im Spanischen, Italienischen und sicherlich auch in Bezug auf osteuropäische Sprachen genauso sein. Damit eröffnet sich also nochmal ein ganz anderer Markt.

Paul Gévaudan:  Es gibt eine ganze Reihe weiterer Berufsperspektiven. Es können Institutionen sein, gerade im Bachelor haben wir festgestellt, dass viele unserer Studierenden ihre Praktika in europäischen Institutionen gemacht haben. Zum Beispiel im Umfeld des Europäischen Parlaments. 

Es können auch Botschaften, NGOs, Lobbys oder internationale Unternehmen sein, denn wer das auf europäischer Ebene schafft, dem gelingt es beispielsweise auch in Kanada. 

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“Man kann also nach Shanghai gehen, man kann aber genauso gut in Ostwestfalen-Lippe spannende, weltweit operierende Arbeitgeber finden.” 

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Jule Barmwater: Das passt ja ganz zum Motto des Studiengangs: ‘Making Europeans locally, regionally and internationally fit for Europe and the world’. Mit dem ‘the World’ haben wir also auch einen globalen Charakter. Heißt das, dass man sich Inhalte nicht nur aus  europäischer Sicht anschaut, sondern auch aus einer globalen, außereuropäischen Perspektive? 

Stefan Schreckenberg:  So ist es. In dem Motto steckt das globale, aber auch das Lokale. Die Formulierung stammt von unserem geschätzten Kollegen Andreas Marchetti, der ja immer wieder betont, dass Europa auch in den lokalen Regionen stattfindet, also auch in Kreis- oder Landtagen. 

Man kann natürlich nach Shanghai gehen, man kann aber genauso gut in Ostwestfalen-Lippe spannende, weltweit operierende Arbeitgeber finden. 

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“Es ist ganz wichtig, dass wir von dem westeuropäischen

Fokus ein bisschen wegkommen”

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Jule Barmwater: Diese unterschiedliche Perspektive im Vergleich zwischen Bachelor und Master zeigt sich auch in Bezug auf das Semester im europäischen Ausland. Aus der Studienordnung habe ich herausgelesen, dass es dabei besondere Kontakte nach Madrid, Paris und Danzig geben soll. Da finde ich es besonders interessant, dass die Wahl auf Danzig gefallen ist. Im Bachelor sind wir ja sehr deutsch-französisch geprägt und auch sonst eher westeuropäisch orientiert. 

 Stefan Schreckenberg: Es ist ganz wichtig, dass wir von dem westeuropäischen Fokus ein bisschen wegkommen. Man sieht das ja jetzt gerade am Krieg gegen die Ukraine oder an den Problemen, die wir in der EU mit einigen osteuropäischen Nachbarn haben. Wir sollten mehr darüber wissen, um zu verstehen, was da eigentlich passiert. 

Das geht auch vom Universitätspräsidium aus. Dort gibt es seit längerem Bestrebungen, bei dem Programm der EU “Europäische Hochschule” berücksichtigt zu werden. Da hat sich die EU selbst auf die Fahne geschrieben, dass ein Schwerpunkt bei europäischen Verbünden auf Osteuropa liegen muss.

Die Universität Paderborn vernetzt sich jetzt gemeinsam mit sechs bis acht weiteren europäischen Universitäten, um enger zusammenzuarbeiten und gemeinsame Projekte anzubieten. Unter dem Namen “Colours-Allianz”, sind da eben auch Partner aus Kroatien oder Polen dabei, und es sollen weitere aus dem Balkan, wie beispielsweise aus Nordmazedonien folgen.

Jule Barmwater: Das ist sehr interessant, denn vor zwanzig Jahren, als damals Frau Prof. Dr. Langenbacher-Liebgott die Idee des Bachelors vorschlug, gab es anfangs sogar Widerstand, ein Programm auf die Beine zu stellen, dass so interdisziplinär und international ausgerichtet ist. Hat sich daran etwas geändert, in Anbetracht der Colours-Allianz? Wie waren die Reaktionen auf den Masterstudiengang seitens der Universitäts- und Fakultätsleitung?  

Paul Gévaudan: Grundsätzlich ist das sehr positiv aufgenommen worden. 

Stefan Schreckenberg: Natürlich ist es so, wenn man so ein Programm vorschlägt, dass man erstmal ein paar längere Gespräche führen muss. Die wollen dann einem auf den Zahn fühlen, um zu sagen: “Hat das auch Hand und Fuß? Funktioniert das?”
Aber dank der positiven Erfahrungen der letzten 20 Jahren mit dem Bachelor-Studiengang “Europäische Studien”, gerade auch in der interdisziplinären Zusammenarbeit, ist da jetzt ein Grundvertrauen, dass das auch auf Master-Ebene funktioniert. 

Jule Barmwater: Vielen Dank für das Interview! 

 

 

Interview: Jule Barmwater 

Redaktion: Rahel Schuchardt, Jule Barmwater 

 

Über unsere Interviewpartner: 

Prof. Dr. Paul Gévaudan ist Leiter und seit 2017 Programmbeauftragter der DFH für den Bachelor-Studiengang Europäische Studien/Etudes Européennes und verkörpert mit seinem deutsch-französischen Hintergrund das, wofür die Europäischen Studien/Etudes Européennes stehen. 

 

 

Prof. Dr. Stefan Schreckenberg ist Leiter des Studiengangs Europäische Studien/Études Européennes. Seit 2009 an der Universität Paderborn tätig, lehrt er am Institut für Romanistik romanistische Literatur-, Kulturwissenschaft und Fachdidaktik und ist außerdem Verantwortlicher für den Masterstudiengang Kultur und Gesellschaft.