Triff Lou ! – Ein Interview mit einer europäischen Studierenden

 

Bei einem Café au Lait habe ich mich mit Lou auf dem Balkon ihrer schicken Wohnung im Zentrum von Le Mans getroffen. Ein Gespräch über das Studium in Frankreich, das Leben in Le Mans und ihr Engagement im collectif solidaire der Universität.

Wie die meisten Studierenden des aktuellen Jahrgangs der Etudes Europénnes wohnt Lou in einer Wohnung im Stadtzentrum von Le Mans. Genießen kann sie dabei vor allem die geräumige Küche.

 

Lou, was hat Dich eigentlich zum Studium der Europäischen Studien bewogen?

In erster Linie waren es die Sprachen: Französisch und Englisch mochte ich schon immer, wollte aber nie Lehrerin werden (lacht). Meine Mutter hat tatsächlich den Studiengang gefunden, und da ich aus dem Paderborner Umkreis komme, musste ich nicht einmal umziehen. Meine Motivation war definitiv auch, dass ich schon immer mal in Frankreich leben und arbeiten wollte. Das Auslandsjahr hat mich also sehr gereizt. Auch der EU-Schwerpunkt hat mich überzeugt, da ich mir damals schon vorstellen konnte, im europäischen Kontext, zum Beispiel in einer internationalen Organisation zu arbeiten. Mittlerweile könnte ich mir sogar vorstellen mal ein politisches Amt zu übernehmen.

 

Würdest Du denn sagen, dass Dich das Studium politischer gemacht hat?

Ja, auch das Studium. Es waren aber vor allem meine Kommilitoninnen und neuen Freundinnen, die mich politisiert haben. Ich habe mich nach dem Abi, nach einigem Zögern, direkt dazu entschieden zu studieren und hatte mit manchen Themen überhaupt keine Berührungspunkte. Mittlerweile habe ich angefangen, mich mit Feminismus, Klassismus und Rassismus auseinanderzusetzen. Das Studium hat mir mit den Kulturwissenschaften zusätzlichen Input gegeben.

 

Was sind deiner Meinung nach die Unterschiede zwischen dem Studium in Paderborn und Le Mans?

Inhaltlich ist das Studium je nach Schwerpunktwahl in Paderborn anders ausgerichtet. Ich habe hier jetzt nicht mehr diesen Sprachenschwerpunkt, vor allem das Linguistische fehlt. Da ich mich für Langues Etrangères Appliquées (LEA) entschieden habe, beinhaltet das Studium hier in Le Mans mehr Übersetzungs-, Englisch- und Wirtschaftskurse. Vor allem das Unisystem unterscheidet sich sehr von dem in Deutschland: der Unterricht ist frontaler, man hat mehr und längere Kurse. Meiner Meinung nach ist dafür aber die Nacharbeitung weniger, man hat also weniger Arbeit zuhause.

 

Hattest du Schwierigkeiten bei der Umstellung vom Studium in Paderborn zum Studium in Le Mans?

Es war schon eine Umstellung, die Universität ist hier einfach verschulter. In Paderborn ist man mehr selbst gefordert, sich mit den Themen auseinanderzusetzen. Hausarbeiten sind hier überhaupt nicht an der Tagesordnung, dabei habe ich das in Paderborn schon im ersten Semester gemacht. Dadurch, dass ich aber so sehr in das System hineingewachsen bin, habe ich fast schon Angst, dass es in Paderborn wieder schwerer für mich wird (lacht). Ich finde aber, man bekommt hier viel auf dem Silbertablett serviert.

 

Abgesehen vom Studium selbst: Was nimmst du aus dem Auslandsjahr in Frankreich mit?

„La vie est belle“ (lacht). Nein, mal im Ernst: nicht nur meine neuen französischen Freundschaften, sondern auch die aus Paderborn. Viele Freunde, Erfahrungen. Ob ich selbst erwachsener geworden bin, kann ich selbst schwer einschätzen. Während der Zeit hier im Ausland habe ich aber sehr zu mir selbst gefunden, was in der Schulzeit etwas verloren gegangen ist. Auf viele Dinge habe ich einen anderen Blickwinkel bekommen: ich deute Dinge jetzt anders und hinterfrage mehr.  Was den kulturellen Aspekt angeht, bin ich zu dem Schluss gekommen, dass wir trotz einiger Unterschiede doch alle Menschen sind. Uns verbindet viel mehr, als uns voneinander trennt.

 

Wie sieht denn dein „normaler“ Alltag hier aus? Glaubst du, er wäre ohne Corona ganz anders?

Unter der Woche wäre das:  Aufstehen, Frühstücken und einige Online-Kurse bis nachmittags. Oft sind die in Realtime, doch manchmal auch als Aufzeichnung. Mein obligatorischer Spaziergang darf nicht fehlen: Trotz Lockdown und Ausgangssperre war das immer mein festes Ritual –  Mal alleine, mal mit Freund:innen. Ein paar Mal die Woche versuche ich zu sporteln, das Fitnessstudio, in dem ich trainiert habe, musste jetzt leider schließen. Am Wochenende gehe ich super gerne auf den Markt, und wenn wir uns zum Lernen treffen, sind Tartes au Citron und Croissants ein absolutes Muss. Die ein oder andere Soirée darf natürlich auch nicht fehlen!

Wenn kein Corona wäre, hätte man wohl öfter mal einen Restaurantbesuch gemacht. Ich wäre definitiv auch mehr gereist. Trotz allem war ich in Angers, in Nantes, in Paris: die Züge sind auch relativ preiswert. Ich bereue aber keinen Tag, dass ich trotz Online-Studium hergekommen bin. Es war die richtige Entscheidung – im Ausland zu wohnen bedeutet für mich Unabhängigkeit, Autonomie und jeden Tag neue Herausforderungen.

 

Schon seit mehreren Monaten bist du im „collectif solidaire“ der Universität aktiv. Wie genau sieht dein Engagement dort aus?

Das „collectif solidaire“ besteht aus einem Team von Lehrenden und Studierenden. Es wurde, glaube ich, Anfang der Pandemie ins Leben gerufen. Es geht darum, Studierende zu unterstützen, die finanziell in Not gekommen sind. Mein Engagement sieht konkret so aus, dass ich, wenn es die Zeit denn zulässt, regelmäßig bei der Essensausgabe am Wochenende helfe. Die Studis können sich dann Entrées, Gerichte, Desserts abholen. Es gibt auch die „Ressourcerie“, eine Art kleiner Basar wo Gegenstände aller Art, von Klamotten bis hin zu Geschirr, mitgenommen und gespendet werden kann. Jede*r Studierende kann sich dort etwas abholen. Erfahren habe ich vom „collectif solidaire“ durch Anne Baillot, der Beauftragten des Studiengangs hier in Le Mans. Mein Eindruck ist, dass es die Studierenden sehr schätzen, wenn ich dort helfe. Ich werde das definitiv weiterhin machen, auch nach dem Semesterende. Außerdem darf ich mir auch oft gratis etwas von dem Essen mitnehmen und die Leute sind super nett!

 

Text und Fotos: Rahel Schuchard